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 Grundkurs Lackieren

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Blacky
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BeitragThema: Grundkurs Lackieren   Mi 11 Aug 2010, 01:53

Klacker, klacker, klacker!
Lack aus der Sprühdose

1. Vorweg


Bevor man dem geliebten oder gehassten Blech auch nur mit einem Atom Lack nahe kommt, muss an dieser Stelle folgendes stehen: Lackieren ist ne Kunst. So.

Wie beim Schweißen ist Lackierer nämlich ein Lehrberuf. Und gute Lackierer sind nur solche, die neben einer gehörigen Portion Fachwissen und Erfahrung auch noch einen Schuss Talent mitbringen. Vor allem deswegen, weil die bunte Kunst in den letzten Jahrzehnten nicht einfacher, sondern immer vielfältiger geworden ist. Und die Vielfalt an Materialien und Stolperfallen für ambitionierte Selbermacher ist gleich geblieben - nur hat er neben keinem Fachwissen und keiner Erfahrung bestenfalls Interesse und Talent zu bieten.

Will man (in welchen Zusammenhängen auch immer) einer Fahrertür, einem Gartentor oder einem Wohnmobil-Hochdach mit Farbe begegnen, muss man genau wissen, was man tut.

Dabei gilt: man sollte nicht wissen, sonders man MUSS wissen. Einziger Trost, wenn die Lackierung hochkocht, wellt, runterläuft oder mitsamt Spachtel in den Rinnstein fällt, ist die Tatsache, dass man in aller Regel wieder von vorne anfangen kann.

Also noch mal vorweg: wer sich ohne Vorwissen an eine Ganzlackierung seiner frisch aufgebauten S-Klasse aus den 70ern wagt, geht baden. Wett-Angebote werden von der Redaktion gerne angenommen. So ein Unterfangen hat nämlich den Schwierigkeitsgrad 10+, sozusagen die schwarze Piste am Piz Palü. Wer da ohne Erfahrungen im Abfahrtslauf lebend runterkommt, kriegt stantepede auf dem Markplatz in Davos den golden Skistock umgehängt. Und von uns einen Kasten Bier.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass man mit ein wenig Übung und etwas Bescheidenheit den Idiotenhügel im Schneepflug meistern kann. Ohne auf die Kauleiste zu fallen. Das sieht nicht so elegant aus wie eine Schussfahrt in die weiße Hölle und hat nur den Schwierigkeitsgrad 2, führt aber zum Ziel. Und tut nicht weh. Und kostet nicht die Nacharbeit an einer hoffnungslos versauten Lackierung. Und das beste: kostet nicht die Schmach, mit so einem verhunzten Stück dann bei einem Fachbetrieb auf der Matte zu stehen. Wer also zweifelt, ob er irgendein Teil nicht besser zum Lackieronkel um die Ecke bringt, sollte gleich den Hörer in die Hand nehmen und Preise einholen. Schließlich muss man das Material in jedem Fall kaufen. Dabei hat der Betrieb in aller Regel günstigere Quellen, bessere Technik und kann im Versagensfall in die Pflicht genommen werden. Eine gute Alternative zur schlechten Garagenhof-Lackierung.

In den beiden folgenden Artikeln gehen wir auf die Sprühdosen-Lackierung eines Kunststoffteils und die Pistolen-Lackierung einer Heckklappe ein. Dabei machen wir wegen des gewaltigen Umfangs der Materie (Lehrberuf!) den Versuch, nur auf die elementarsten und wichtigsten Punkte einzugehen und damit eine grobe Anleitung zum Selberprobieren zu geben. Mit sauberer Arbeit, Geduld und etwas gewogenem Schicksal lassen sich so auch erstaunliche Ergebnisse erzielen. In jedem Fall beachte man die konjunktivische Formulierung.


2. Was ist Lack?


Wie bei allem am Auto hantiert man beim Lackieren mit Chemie und Physik herum. Mehr, als einem lieb ist. Reicht es im Bezug auf Benzin oder Motoröl, einfach ins Regal zu greifen oder an die Zapfsäule zu fahren, um das Problem zu lösen, so ist das in unserem Fall nicht so einfach.

Es ist nämlich nicht verkehrt, oder vielmehr sogar ziemlich wichtig, einiges über die Chemie und Physik beim Lackieren zu wissen. Was ist nämlich überhaupt Lack? Mit der Chemie angefangen, die natürlich nicht scharf von der Physik zu trennen ist, steht an allem Anfang das Pigment. Das ist das, was bunt macht. In aller Regel ein Festkörper, mikroskopisch klein und in allen Schattierungen erhältlich. Dummerweise ist das in keiner Weise applizierbar und hat Pulverform. Der Ureinwohner kleistert sich so was gerne ins Antlitz und erschreckt damit verfeindete Anwohner oder tanzt zur Begeisterung von Anthropologen damit ums Lagerfeuer. Meist verrührt er das Zeug aber mit Eischnee und Backpulver, damit es nicht sofort wieder von der Stirn blättert.

Für uns ist die Pulverform ziemlich unpraktisch und findet nur bei der Pulverbeschichtung Anwendung - das ist aber eine andere Baustelle. Dieses Farbpülverchen soll auf dem entdellten Kotflügel, der alte S-Klassen-Haube oder dem frisch erworbenen Vogelhäuschen haften. Und es soll nicht nur haften, es soll auch einen kratz- und schlagfesten Film ergeben. Es soll nicht ausbleichen und Sprit und Vogeldreck abkönnen. Und vor allem muss es da irgendwie hinkommen.

Geeigneter Grundstoff, um das Farbpigment an seinem Platz zu halten, sind Harze. Obwohl das kein definierter physikalischer Zustand ist, kann man sich vorstellen, was das ist: ein mehr oder weniger festes Zeug, das neben Mücken (im Bernstein) auch Farbpigmente auf der Haube hält. Solche Harze sind heutzutage feinste Petrochemie und tragen antiquierte Namen, die sie ganz grob gesagt, in drei Sorten unterscheiden: 1. Kunstharz, 2. Acrylharz und 3. Nitrozellulosebasiertes Zeug, so genannte Nitro- oder Nitro-Kombilacke. Eine weitere Gruppe bilden Wasserlacke, oder vielmehr wasserbasierte Lacksysteme, die aber für eine Garagen-Reparaturlackierung außer acht gelassen werden.

Alle drei Harzsorten oder vielmehr Lacksysteme, die auf diesen Harzen aufbauen, haben spezifische Eigenschaften und vertragen sich teilweise untereinander nicht: das liegt an der Zusammensetzung der Chemie. Diese vermaledeiten Unverträglichkeiten gibt es auch bei den Spachteln. Die bauen nämlich auch auf einer Grundsorte auf, die sich möglicherweise nicht mit einem bestimmten Lacksystem verträgt und dann gelöst wird und den Lack wellen lässt. Ist die Lackierung einwandfrei, kommt aber nach kurzer Zeit hoch, kann es an so einer Unverträglichkeit liegen.

Für angemischten Lacke, die der Lackierer in der Bude zusammenmixt um sie dann mit einer Pistole zu verspritzen, gibt es zudem Zweikomponenten-Lack. Das ist wie bei Zweikomponentenkleber oder Spachtelmasse: die chemische Reaktion des Aushärtens wird durch einen Härter angestoßen. Sobald man den Lack einstellt und den Härter zugibt, läuft dann die Uhr.

In diesem Fall werden die langkettigen Moleküle in dem Harz nicht nur durch das Entfleuchen des Lösemittels "blank gelegt" und liegen dann mehr oder weniger nebeneinander auf dem Lackfilm, sondern werden durch die Reaktion miteinander verwebt. Diese chemische Verfilzung sorgt dafür, dass so ein Lack ziemlich widerstandsfähig ist.

Das "Verfilzen" kann auch mit Hilfe von Hitze passieren. Nigelnagelneue Karossen werden nämlich mit Einbrennlack beschichtet. In Wolfsburg, Stuttgart oder Bochum kommen die Rohkarossen nach dem Lackauftrag für wenige Minuten in den Ofen und werden da bei über 160° Celsius ausgebacken. Das ist eine echte Einbrennlackierung, die hart, widerstandsfähig und dauerhaft ist. Dummerweise kann kaum ein Teil am zusammengebauten Auto solche Temperaturen verknusen und das Höchste der Gefühle sind 80°, bevor die Elektronik Schaden nimmt und sich Dichtungen in Lakritze verwandeln. Schiebt der Lackonkel eine teillackierte Karosse trotzdem in den Ofen, so tut er das in aller Regel bei allerhöchstens 80° und stellt auch keine echte Einbrennlackierung im engeren Sinne her. Vielmehr benutzt er lufttrocknende Lacke oder das erwähnte Zweikomponenten-System. Und da kann man mit Wärme, wie überall, ordentlich nachhelfen und die Reaktion beschleunigen.

3. Lufttrocken und aus der Büchse


Was der Zubehör-Hai so an Sprühdosen feilbietet, ist immer lufttrocknend. Dem Harz und der restlichen Petrochemie in der Büchse wird Verdünnung beigegeben, damit es überhaupt applizierbar wird. Die Verdünnung, die auch immer auf das Harz abgestimmt sein muss, sorgt also zu allererst mal dafür, dass der Lack flüssig ist.

Und erst dann kann man das Zeug aus der Dose auch aufs Gartentor bekommen. Schon ein gutes Drittel der Verdünnung geht dabei auf dem Weg von der Sprühdose zur Werkstückoberfläche flöten und sorgt für dicke Luft in der Werkstatt. Ist der Lack dann angekommen, verflüchtigt sich (je nach Siedetemperatur des jeweiligen Lösemittels) der Rest des Stinkezeugs von dem Film auf dem Werkstück.

In der Folge bildet sich nach einiger Zeit auf der Oberfläche der noch-flüssigen Lackschicht eine Haut, wie auf einem Milchpott. Durch diese Haut muss noch der Rest des Verdünners entweichen, bevor der Lackfilm eine strapazierfähige Lackschicht ergibt.

4. Buntes Dreierlei


Weil das hier keine Abhandlung über den Lack als solches werden soll, nur in aller Kürze die verschiedenen Systeme. Bei Fragen oder Zweifeln ist immer das maßgeblich, was der freundliche Herr im Fachhandelsladen zum Thema zu sagen hat. Der MUSS wissen, unter welchem Handelsnamen gerade was läuft, und was sich womit verträgt. Noch der Hinweis, dass die meisten Verkäufer in Baumärkten umgeschulte Friseure sind. Das ist nicht despektierlich gemeint, sondern soll Hoffnungen dämpfen, von diesen (oft sehr bemühten) Leuten eine hieb- und stichfeste Auskunft zu bekommen. Man bevorzuge bei kniffligen Fragen den Fachhandel oder frage den Lackierer des Vertrauens.

Für eine Reparaturlackierung am Auto geht man mit dem Kauf eines Reparatursatzes Tünche vom Autohersteller in aller Regel kein Risiko ein. Weil es aber so viele Farbtöne gibt, dass den Herstellern auch die krudesten Namenskreationen ausgehen, gehört zu jedem Farbton eine Nummer. Die findet sich irgendwo am Auto. Entweder im Motorraum, im Kofferraum oder an den Holmen der B- oder C-Säule. Oder an einer noch versteckteren Stelle. Mit Hilfe dieser Nummer kann der Fachhandelsmann oder der Mann beim Vertragshändler den Lack genau zuordnen und ggf. umschlüsseln, weil alle Lackhersteller selbstverständlich wieder eigene Zahlenräume für ihre eigenen Produkte haben.

Ist die Mischung absolut undefinierbar, kann man sich Lack auch mischen und sogar auf Sprühdosen ziehen lassen. Hierzu braucht man zuerst mal einen Laden, der eine Mischmaschine hat und mittels optischer Analyse einen Farbton genauestens bestimmt. Dahin trägt man einen briefmarkengroßen Lacksplitter und lässt analysieren, mischen und auf Sprühdose ziehen. Nach dem Preis fragen sollte man vorher, damit einem beim Gang an die Kasse nicht das Gesicht aus dem Gesicht fällt.

Für verblichene Lacke oder ganz seltenes Zeug ist diese Methode neben einer Komplettlackierung in aktueller Farbe oft die einzige Möglichkeit, an den geeigneten Spritzstoff zu kommen. Hier in Kürze noch einmal die drei verschiedenen Lacksorten:

Kunstharzlack ist der unproblematischste Kandidat unter allen Lacksystemen und verträgt sich mit allen Untergründen. Er kommt mit anderen Kunstharzen, Nitro-Kombi- oder Acryllacken klar. Er trocknet vergleichsweise langsam und muss bei mindestens 18° verarbeitet werden.

Acryllack ist in der Materialpaarung schon ein wenig wählerischer und verträgt sich sicher nur mit (na logo) Acryllack. Auf Nitrokombilack kann gehen, Kunstharzlack hingegen wird mit hoher Sicherheit hochgezogen.

Nitrokombilack selbst verträgt sich nur mit Artgenossen - darunter liegende Schichten Acryllack und Kunstharzlacke werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zerstört. Diese Animositäten gelten für luftgetrocknete Lackierungen. Die eingebrannten oder Zweikomponentenlackierungen sind schon deutlich widerstandsfähiger. Das kann aber dummerweise dazu führen, dass Unverträglichkeitsschäden erst nach Wochen oder Monaten auftauchen. Tja.

Wie bei Möbelpolitur ist für einen schnellen Test zu empfehlen, ein hinteres Eckchen einer alten Lackierung anzuschleifen und dann den neuen Lack in einer deckenden, nicht zu dicken Schicht aufzutragen. Runzelt die Oberfläche oder reißt der Film, ist der alte Lack in jedem Fall unverträglich. Das betrifft Spachtelmassen im Prinzip genau so. Hier wird aber nur der Lack nicht halten.



5. Der Untergrund


Überhaupt der Untergrund: der kann aus nacktem Blech (von Holz, Papier und Makramee-Arbeiten mal abgesehen), kadmiertem oder phosphatiertem Blech oder schön Gespachteltem bestehen. Oder aus Kunststoff. Oder aus was, was hier nicht vorkommt. In jedem Fall wird der Lack nicht direkt auf das rohe Material gespritzt. Vielmehr muss der Untergrund für den Lack vorbereitet werden und möglicherweise ist die Oberfläche auch noch so rau oder saugfähig, dass sie mikroskopisch ausgeglichen werden muss.

Für diese Zwecke gibt es Haftvermittler, die der Ami "Primer" nennt und Füller, die der es beim Tommy als "Filler" zu kaufen gibt. Und dieses Zeug hat nicht nur mit Sicherheit einen Namen im Russischen, sondern ist auf Untergrund und Lacksystem abgestimmt. Für ein nachher im Bild zu sehendes Kunststoffteil gibt es z.B. spezielle Kunststoffprimer.

Meist haben diese Primer auch Füll-Anteile und sind dann eine Art Kombi-Produkt. Außerdem gibt es das alles in verschiedenen Farben, um einzelne Schichten zu unterscheiden oder vorab eine Schicht Decklack bei zu argen Farbtonunterschieden zu sparen.

6. Sauber, fest, trocken und staubfrei


Bevor man sich also an das Lackieren macht, muss der Untergrund fest, trocken, staubfrei und glatt sein. Und geprimert. Und vor allem fettfrei. Fettfrei macht man mit dem passenden Lösemittel, um den Untergrund nicht anquellen zu lassen und wirklich das letzte Atom Fett runterzuhobeln.

Neben Nitroverdünner gibt es auch Kunstharzverdünner, Waschbenzin und Azeton. Alle unterscheiden sich in ihrem Siedepunkt und sind damit schneller oder weniger schnell flüchtig. Eingestellte Verdünnermischungen ("Nitroverdünner") passen zu einem Lacksystem und bestehen aus verschiedenen Lösemitteln.

Zum Saubermachen nehme man (je nach Untergrund) Nitro- oder Kunstharzverdünner. Azeton entfleucht zu schnell, falls man das Werkstück nicht vollflächig flutet und trocknet schon wieder auf der Oberfläche an, bevor man mit dem Lappen dabei ist. Für die Entfettung, die einzig den Sinn hat, die Oberflächenspannung herunterzusetzen, damit der Lack besser hält, eignet sich auch Silikonentferner ganz hervorragend. Das Zeug ist teuer, macht aber sehr sauber.

7. Der böse Blick


Um endlich mal in die Praxis zu kommen: das kostbare Werkstück, in diesem Fall ein "böser Blick" für einen Opel, soll mit Sprühdosen in Wagenfarbe lackiert werden.

Diese Kunststoffteile kommen aus dem Internet oder der Zubehörbude geflattert und sind in aller Regel matsche-beige oder rustikal-grau und vor allem roh aus der Spritzgussmaschine. Vor aller Arbeit wird so ein Teil deswegen mit Schleifpapier rundgelutscht, bis kein Grat und keine Riefe mehr zu spüren ist. Letzte Runde mit 500er oder 1000er Papier und nass.

Über Schleifen und Abkleben wurde ja hier in anderen Artikeln schon palavert - jetzt geht es ans Füllern oder Primern. Weil hier nicht gespachtelt wurde, kann auf das Füllern (das die Poren des Spachtels ausfüllt) verzichtet werden. Auf den nackten Kunststoff kommt der Primer, der dafür sorgt, dass der Lack überhaupt auf dem schiefen Blick hält.

So einen Primer gibt es sowohl in der Sprühdose als auch im 20Kilo-Eimer für Großeinsätze. Weil in der Ausbildungswerkstatt von DaimlerChrysler so was herumsteht, wird der Primer nicht mit Sprühdose, sondern mit der Pistole aufgetragen. Gibt?s aber auch aus der Sprühbüchse. Händler fragen.

8. Feuchte und Temperatur


Ist der Primer trocken, wird gaaanz fein angeschliffen. Nass und mit 1000er Papier. Dann wird das komplette Teil getrocknet. Und das mit "trocken" und "nass" ist so eine Sache. Wer regelmäßig Wäsche aufhängt, weiß, dass die Temperatur erst mal nichts darüber sagt, wie schnell die Jeans auf der Leine trocken wird. Das ist nämlich schwer davon abhängig, wie hoch die relative Luftfeuchte ist. In den Tropen ist es z.B. zwar so warm, dass Socken und Unterbuxen blitzartig fertig wären. WÄREN. Denn da ist gleichzeitig verflucht feucht. So unverschämt dampfig, dass die Sachen gar nicht daran denken, trocken zu werden sondern auf der Leine verfaulen. Umgekehrt muss man in Gegenden mit weniger als 20% relativer Luftfeuchte selbst bei 20° Celsius den Leoparden-Tanga nur kurz aus dem Fenster zu halten, damit er wieder einsatzbereit ist.

Das mit der relativen Feuchte ist, bevor wir zur Temperatur kommen, ganz wichtig beim Spritzvorgang selbst: ist die Feuchte zu hoch, kann es im Sprühstrahl der Sprühdose oder der Pistole tauen. Das Lösemittel entzieht seiner Umgebung beim Verdunsten Wärme und kühlt so auch die Luft. Und reißt dann feinste Tautröpfchen im Sprühstrahl mit. Dieses Wasser hat (außer beim Wasserlack) gar nichts auf dem frischen Lackfilm zu suchen; die Oberfläche wird in der Folge matt und stumpf. Die optimale relative Luftfeuchte zum Lackieren liegt bei 60-80%, keinesfalls darüber. Ist es zu trocken, kommt der Lack schon als Staub auf dem Blech an. Auch nicht schön.

Fürs Lackieren sind nicht eine, sondern drei Temperaturen maßgeblich. Das ist zum ersten die Temperatur des Lacks selbst. Das ist weiter kein Problem, man steckt die Büchse oder die vielen Büchsen in die Latzhose, schläft eine Nacht darin und warm sind die Dinger. Außerdem ist bei Temperaturen von wenigstens 20° auch erst der erforderliche Sprühdruck von etwa 2,5 Bar auf dem Propan/Butan-Gemisch. Kalte Dosen sprühen schlecht, weil zu wenig Druck drauf ist und die Viskosität, die Fließfähigkeit, des Lackes nicht stimmt. Richtige Dosentemperatur ist also ziemlich wichtig.

Die zweite Temperatur ist die des Werkstücks. Wenn man die S-Klasse oder den Ferrari erst eine Stunde vor Lackiertermin aus der mondklaren Winternacht in die schwülwarme Werkstatt-Sauna holt, taut es munter an der Karosse. Außerdem verzögert sich die Filmbildung des aufgesprühten Lackes. Und last, but not least ist neben der Luftfeuchte die Raumtemperatur von eminenter Bedeutung. Sie liegt optimalerweise zwischen 20° und 25°.

Dass die Umgebung zugfrei und verflucht sauber sein sollte, versteht sich von selbst. Neben einer Stampede französischer Vorstadt-Jungens, die einem den Wagen anstecken, ist nämlich nichts ärgerlicher als herumgewehtes Laub, Haare oder schlichter Staub auf einer frischen Lackierung. Sowas kriegt man nämlich nur dann runter, wenn es klein ist und man es sofort entdeckt und mit spitzen Fingern entfernt.

9. Sprühdose klar...


Stimmen also alle Parameter und ist das Werkstück in einer ruhigen Ecke der Werkstatt sauber und fettfrei aufgebaut, kann man die Sprühdose selbst in die Hand nehmen. Man tut gut daran, mit einer Atemschutzmaske zu arbeiten, die wenigstens das Aerosol aus der Röchelröhre hält. Und man tut noch besser daran, mit einer Absaugung zu arbeiten, wie hier im Bild, denn nicht nur das Aerosol, also der Sprühnebel, sondern auch das Lösemittel ist verflucht ungesund.

Lüften und Heizen sind zwei Gegenpole, bei denen einem nicht nur Mutter wegen der Heizkosten auf die Finger haut. Manchmal kann man es schlicht vergessen, einen Raum halbwegs warm und zugfrei zu kriegen. Und von sauberer Luft kann man nach drei großen Sprühbüchsen nur träumen. Möglicherweise sollte man schlicht bis zum Frühjahr warten oder wie in der kommenden Folge beschrieben, mit Heizstrahlern arbeiten.

Das Werkstück als solches so aufzuhängen, dass man ohne Absetzen spritzen kann, ist eine Wissenschaft für sich. Dieser böse Blick ist so glücklicherweise so leicht, dass er einfach mit doppelseitigem Band auf einem Lackierständer festgepappt werden kann.


10. Im Kreuzgang nach Jerusalem



Jetzt das Teil in einer dünnen Schicht lackieren. Fantastisch, oder? Das schreibt sich so einfach hin, ist aber verflucht schwierig. Schließlich soll auf jede Ecke des Werkstück dieselbe Menge Farbe, damit es einerseits deckt und andererseits keine Läufer gibt.

Deswegen ist das Händchen neben einer Portion Erfahrung und Fachwissen das, was sich der Lackierer teuer bezahlen lässt. Abgesehen von der richtigen Entfernung Sprühdose/Werkstück, die etwa 20 Zentimeter betragen soll, ist die Führung der Dose oder der Pistole dabei von kriegsentscheidender Bedeutung.

Um eine überall gleiche Menge Lack zu applizieren, verbietet es sich nämlich, mit der Pistole oder der Dose irgendwo auf dem Werkstück stehen zu bleiben. Oder anzufangen. Das führt unweigerlich zu einem Läufer, der nicht mehr reparabel ist. In so einem Fall hilft nur wegwischen und von vorne anfangen. Bei unserem Kunststoffteil ist die Sprührichtung vorgegeben: links-rechts, immer der Kontur folgend: fertig. Bei irgendwie flächigeren Werkstücken spritzt man aber üblicherweise im Kreuzgang, dass heißt rechtslinks-linksrechts-rechtslinks, so wie Zeilen eines Buches. Und die nächste Schicht legt man dann obenunten-untenoben-obenunten um 90° versetzt darüber.

So wie den Kreuzgang kann man auch spiralförmig von Außen nach Innen sprühen. Oder wie auch immer - wichtig ist, dass man nichts vergisst und dass man ein Gefühl für die Menge des Farbauftrags bekommt. Wunderbar üben kann man das mit ein paar alten Sprühdosen, die man mitunter zum Schleuderpreis auf dem Grabbeltisch bekommt. Neben solchen Dosen in Krätzegrün und Schwampelrosé benötigt man dazu dann nichts weiter als einen simplen Pappkarton für die Übungsstunde.

Den stellt man sich irgendwo draußen (Staub und Vogeldreck stören hier nicht weiter) hin und lackiert ihn. Von innen und von Außen. Verbeute Kotflügel, Hauben oder Klappen gehen selbstverständlich auch. Was ziemlich einfach klingt, ist in der Praxis schwierig und braucht ein paar Anläufe, bis es fehlerfrei gelingt. Ist also die Büchse durchgeschüttelt, kontrolliert man das "Spritzbild" der Dose, so man überhaupt davon sprechen kann. Kleckert die Kappe, ist sie vielleicht nur verstopft und kann mit Druckluft durchgeblasen werden. Mit einem Draht darin herumzubohren, zerstört sie in aller Regel. Wenn Draht, dann Kupferlitze und gaaanz vorsichtig. Schnelle Abhilfe im Versagensfall schafft ein Griff in den Fundus der Sprühkappen, die prima waren und die gereinigt und als Ersatz in einer warmen Kiste im Schrank liegen.
Also: Klacker-klacker-klacker. Schütteln, bis es vollends metallisch klingt. Im Handel findet man allermeist 150ml und 400ml-Dosen. Bei einer großen Büchse kann das Geschüttel schon mal 3 Minuten dauern. Nicht aufgeben.


11. Danach...


Hat man beim Lackieren des Pappkartons die Bewegung raus und ein Gefühl für die Schichtdicke, geht?s an das wirkliche und ernste Werkstück. Hier lackiert man zuerst eine dünne Schicht, die noch nicht deckt. Danach sprüht man das Steigrohr der Dose leer, indem man das Ding überkopf hält und abdrückt, bis nix mehr kommt und wartet. In dieser Wartezeit verbindet sich nämlich der Lack schon ein wenig mit dem Untergrund und zeitgleich dampft ein Teil des Lösemittels ab. Nach ein paar Minuten, die nicht zu lang sein sollten (und das ist verflucht verschieden, je nach Lacksystem, Beiblatt oder Etikett lesen!) spritzt man die zweite Schicht. Und wenn es nicht deckt, nach einer weiteren Pause, die dritte. Fertig. Ob man "naß-in-naß" spritzt oder die Schichten zwischenschleift, ist dem Künstler überlassen. Mehr dazu im zweiten Teil.

Lufttrocknende Reparaturlacke auf Acrylbasis sind bei 20° Celsius nach etwa 20 Minuten staubtrocken, d.h. nehmen keinen Staub mehr an. Nach 30 Minuten kann man vorsichtig dran fühlen und nach einem Stündchen ist die Oberfläche grifffest und man kann daran herumfingern. "Abklebefest" ist so was aber noch nicht - mit Klebeband oder der Montage von Dichtungen sollte man mindestens 4 Stunden warten. Und Waschen, Fönen und Polieren kann so eine Lackierung erst nach Wochen vertragen. Diese Zeiten gelten in etwa auch für Nitrokombilacke, lediglich die Zeiten für Kunstharzlacke sind etwa um den Faktor drei länger.

Noch dazu beziehen sich alle Angaben auf 20° Celsius und eine relative Feuchte von 60-70%. Ist es trockener und heißer, geht alles fixer. Und ist es kälter und feuchter, dauert alles langsamer. Möglicherweise sehr viel langsamer. Trocknen und anheizen geht natürlich auch. Mehr dazu in der zweiten Folge


12. Decklack+Klarlack=Glanz


Uff. Lackierung fertig, möchte man meinen. Aber nur die Uni-Lackierung, sozusagen der Idiotenhügel im Schneepflug. Zur Freude der Skifreunde und Anfänger hat aber Pistenbesitzer Seppl-Schorsch noch eine unbeleuchtete Schanze eingebaut, die bei den allermeisten Lacken genommen werden muss: die Metallic-Lackierung. Neben den Farbpigmenten ist in dieser Tünche Aluminium- oder Bronzepulver enthalten, dessen Pigmente deutlich größer sind als die eigentlichen Farbpigmente. Das Zeug ist dazu häufig in der Originallackierung in eine Richtung ausgerichtet oder befindet sich in einer bestimmten "Tiefe" der Lackierung. So eine Lackierung auszubessern, ist Profiarbeit.

Unser schiefer Blick aber ist ein separates Kleinteil, an dem man sich sehr wohl versuchen kann. Allerdings besteht ein Metallic-Lack genau genommen aus zwei Lacken. Der farbige Decklack glänzt wegen des hohen Metallic-Anteils nicht und hat eine stumpfe Oberfläche.

Um das Zeug ans Glänzen zu bekommen, bildet ein glänzender Klarlack die letzte Schicht aus einer separaten Büchse, die im "Bundle" mit dem Decklack über den Ladentisch geht. Solche Decklack+Klarlack-Systeme gibt es auch bei Uni-Lacken. In jedem Fall ist eine Metallic-Lackierung auch für geübte eine heikle Sache, vor allem in Hinblick auf den identischen Metallic-Glanz zweier benachbarter Oberflächen.

Wie man mit einer Spritzpistole hantiert, welche Fehler bei Lackierungen auftreten können und worauf man noch achten sollte, steht in der folgende Folge. Junge Damen, bitte folgen.

Viel Spass beim ausprobieren. Sofa

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BeitragThema: Re: Grundkurs Lackieren   Mi 11 Aug 2010, 10:51

clever clever clever clever clever clever clever clever
Grinser Grinser Grinser Grinser Grinser Grinser Grinser
Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach


also blacky,erstmal meinen dank für die arbeit,die du hier gemacht hast.
da kannste deinen vecci ja jetzt selber lacken Lächler
nee mal im ernst,du hast versucht,das wichtigste,lustig an den mann,bzw.frau zu bringen.
was dir mit 100%iger sicherheit gelungen ist.
da kann meine frau ihre oma jetzt selber lakieren Denker

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Blacky
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BeitragThema: Re: Grundkurs Lackieren   Mi 11 Aug 2010, 11:17

Das freut mich. Kugellach Kugellach Kugellach Kugellach

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